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Bahnunfall in Brühl

Am 06.02.2000 um 00:13 Uhr entgleiste auf dem Weg von Amsterdam nach Basel im Bahnhof von Brühl ein mit etwa 300 Passagieren besetzter Personenzug der Deutschen Bahn AG. 9 Personen kamen dabei ums Leben, 149 wurden verletzt, einige davon schwer.
06.02.2000 00:13
Brühl
Deutschland / Nordrhein-Westfalen / Erftkreis
Ereignis: Technische Hilfeleistungen
Bereich: Verkehr
Objekt: Verkehrsmittel
Stichworte: Eingeklemmte Personen, Eisenbahn, Massenanfall von Verletzten, Technische Hilfeleistung
Autor: Harald Band, BAR FW Frechen; Bernd Gessmann, BOI Feuerwehr Hürth
Quelle: Brandschutz - Deutsche Feuerwehr-Zeitung, 02/2001, S. 248-259

 

Bericht

Der aus üblichen Personenwaggons und drei, von der niederländischen Zuggesellschaft bewirtschafteten, Liegewagen bestehende Personenzug mit der Nummer D 203 fuhr um 23:58 Uhr weiter in Richtung Süden. Wegen einer in Fahrtrichtung des Zuges vor dem Bahnhof Brühl gelegenen Baustelle wurde der Zug im Bahnhofsbereich auf ein Ausweichgleis umgeleitet. Bedingt durch die unangemessen hohe Geschwindigkeit des Zuges, führte der weichenbedingte Richtungswechsel zur Entgleisung unmittelbar hinter dieser Weiche. Die Lokomotive verließ über den Bahndamm die Gleisanlage, durchpflügte mehrere Gärten, entwurzelte Bäume und Strauchwerk und kam in einer Hauswand zum Stehen. Die Waggongs wurden teilweise mit in die gärten gezogen, stürzten dort um oder blieben stark deformiert in extremer Schräglage stehen. Im Bereich des Bahnhofs wurden zwei Waggons quer zur Fahrtrichtung durch das Ständerwerk der Bahnsteigüberdachung gebremst und blieben zerstört auf dem Bahnsteig liegen. Vier weitere Waggongs standen beschädigt und teilweise gestaucht auf der Gleisanlage. Die zu den betroffen Bahngleisen führende Treppe aus der Unterführung wurde durch herabgestürztes Mauerwerk und Bauteile der Überdachung zertrümmert, der Weg versperrt.

Vorgehensweise der Ersteinsatzphase:

Der Disponent der Einsatzzentrale eröffnete nach der ersten Meldung um 0:16 Uhr den Einsatz mit dem Stichwort „Verkehrsunfall mit Verletzten“ und alarmierte die hauptamtliche Wachbesatzung, die unmittelbar danach mit TLF 16/25, RW 2, RTW und NEF ausrückte; Personalstärke dieser Einheit: sieben Beamte und ein Notarzt. Wegen weiter eingehender Meldungen in der Einsatzleitzentrale wurde die Alarmstärke bereits vor Eintreffen der ersten Einsatzkräfte erhöht. Gleichzeitig mit der Alarmierung ehrenamtlicher Kräfte erfolgte die Alarmierung des Wehrführers, der sich mit seinem Dienstfahrzeug unmittelbar zur Einsatzstelle begab. Der zweite Abmarsch bestand zunächst aus einem weiteren TLF 16/25 sowie einem LF 16. Der an der Einsatzstelle eingetroffene Wehrführer nahm sofort Kontakt mit der Einsatzzentrale der Feuerwehr Brühl auf, um in Erfahrung zu bringen, ob der Zugverkehr eingestellt, die Oberleitung freigeschaltet und der zuständige Notfallmanager der Deutschen Bahn AG informiert wurde. Die zuständige Fahrdienstleiterin konnte dies telefonisch bestätigen. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich noch alle Reisenden, die sich selbst aus dem Zug befreien konnten, auf dem Bahnsteig auf. Sie wurden aufgefordert, sich zur Bahnhofsgaststätte zu begeben.

Maßnahmen auf dem Bahnsteig:

Auf dem Bahnsteig selber wurden zwischen den Trümmern verschiedene blutüberströmte Personen gefunden, die voll oder nur bedingt ansprechbar waren. Einige Personen konnten über Leitern der Feuerwehr und eine zufällig am Bahnsteig liegende Leiter aus den Fenstern einzelner Waggons gerettet werden. Die Rettung über Leitern aus den Abteilfenstern wurde der Rettung über die trotz Deformierung zu öffnenden Waggontüren deshalb vorgezogen, weil sich diese Ausgänge in „Hanglage“ befanden. Weitere Erkundungen der Waggons gestalteten sich schwierig, da das Mobiliar durch die Lage und die während des Unfalls einwirkenden Kräfte erheblich verschoben war.  Die tiefer liegende Schadenstelle und die in das Haus eingedrungene Lokomotive war durch die Dunkelheit verdeckt und wegen der „Trümmertopographie“ unerreichbar.

Maßnahmen im Innenbereich:

Der erste Zugang zur initialen Innenerkundung der Waggons wurde am erheblich zerstörten Waggon 3 geschaffen, der sich in stark geneigtem Zustand im hinteren Gleisbereich befand. Der Zugang konnte sich nur verschafft werden, in dem eine Waggonscheibe mit einer Feuerwehraxt ausgehebelt wurde. Dabei wurden mehrere Personen gefunden, die befreit und nach außen transportiert wurden. Nachdem in diesem Waggon zunächst keine weiteren Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten, stieg eine Einsatzkraft weiter in den erheblich zerstörten und auf der Seite liegenden Waggon 4. Hier wurde als erstes eine Person gefunden, bei der zunächst noch Lebenszeichen zu erkennen waren, die jedoch im weiteren Verlauf der Rettungsmaßnahmen verstarb. Aus einem weiteren Waggon 7, der vollständig aus den Gleisen getreten war und schräg nach vorne geneigt auf dem Bahndamm lag, konnten Einsatzkräfte rufende und schreiende Menschen wahrnehmen. Im Kollisionsbereich zwischen den weiter hinten befindlichen Waggons 6 und 7 und unter den Waggons 2 und 3 wurden ebenfalls 2 verletzte Personen geborgen.

Nachgeordnete Maßnahmen:

  • Sicherstellung des Brandschutzes bei Schweißarbeiten (immer wieder Entstehungsbrände, die anzulöschen waren)
  • Bergung der verstorbenen Reisenden
  • Technische Unterstützung bei der Beweissicherung
  • Unterstützung bei der Sicherstellung des persönlichen Eigentums der Reisenden
  • Betreuung der eingesetzten Helfer und z. T. angereister Angehöriger durch Notfallseelsorger, Nachsorgeteams und speziell geschulte Psychologen der Deutschen Bahn AG
  • Bergungsmaßnahmen
  • Schaltung einer Telefon-Hotline

Eingesetzte Kräfte:

  • keine allumfassende Stärkemeldung aller Kräfte möglich, aufgrund kontinuierlichem Kräfteaustausch, verbunden mit sukzessiver Verringerung des Personals vor Ort
  • insgesamt 847 Kräfte aus der Feuerwehr, Hilfsorganisationen und dem Technischen Hilfswerk (2/7/30/808/847)
  • Behörden und Organisationen
  • politisch-administrative Repräsentanten
  • Brühler Bürgermeister und Landrat des Erftkreises (beide im Leitungsstab)
  • Wolfgang Clement, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Rainer Klimmt, Bundesverkehrsminister
  • Hartmut Mehdorn, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG
  • Politiker aus den Niederlanden

Einsatzerfahrungen/ Erkenntnisse:

  • Bahnunfall ereignete sich zu einer Tageszeit, zu der das Einsatzaufkommen für die Einheiten der Feuerwehr und die rettungsdienstlichen Kräfte üblicherweise äußerst gering ist
  • Feuerwehren des Erftkreises setzen sich überwiegend aus ehrenamtlichen Kräften zusammen, daher konnte kurzfristig mit qualifizierten Kräften gerechnet werden
  • Verfügbarkeit der Ehrenamtlichen in solch kurzer Zeit wäre an einem Wochentag schwer möglich gewesen
  • Anfahrt durch tageszeitbedingtes niedriges Verkehrsaufkommen unproblematisch
  • effiziente Zusammenarbeit über die örtlichen Grenzen hinaus
  • stabsmäßige Führung schnell gewährleistet
  • bedarfsmäßige Unterstützung des vor Ort befindlichen Einsatzleiters durch Führungskräfte anderer Städte; Entsendung dieser Führungskräfte mit der Anforderung überörtlicher Einsatzmittel, ohne dass dies in der Alarm- und Ausrückeordnung festgehalten ist
  • traditionell gutes Verhältnis zur BF Köln, verbunden mit der räumlichen Nähe zur Einsatzstelle, trug mit der Entsendung von Einsatzmitteln maßgeblich zum Einsatzerfolg bei
  • reibungslose und sachorientierte Zusammenarbeit mit beteiligten Behörden und Organisationen
  • Spezialkenntnisse der THW-Helfer, verbunden mit entsprechender technischer Ausrüstung für solche Ereignisse unverzichtbar
  • koordinierte Pressearbeit
  • Kritik: dauerhafte Geräuschkulisse durch Hubschrauber einzelner Medienanstalten beeinträchtigte stark die Verständigung der Einsatzkräfte und die Kommunikation mit der Einsatzleitung
  • Interpretationsschwierigkeiten der Dokumentation bei der Abwicklung der Einweisung verletzter Personen aufgrund unterschiedlicher Verletztenanhängekarten der Rettungsdienste verschiedener Trägerschaften


Referenzen:

weitere Dokumente:

erstellt von slienert am - 26.01.2007 11:11