Berlin: Gasexplosion forderte sieben Todesopfer
Bericht
In Berlin-Steglitz in der Lepsiusstraße 57 ereignete sich am 04. August 1998 kurz nach 06:00 Uhr eine schwere Gasexplosion. Wo vorher das Wohnhaus Nr. 57 stand, war kein Stein mehr auf dem anderen, sondern nur noch ein riesiger Trümmerberg geblieben. In diesem Gebäude waren 19 Mieter polizeilich gemeldet (Wohnungsgenossenschaft korrigierte später die Zahl der Mieter auf 21). Bei dem Haus handelt es sich um ein viergeschossiges Wohngebäude, das im Jahre 1956 gebaut wurde.
Um 06:03 Uhr ging die Meldung in der Feuerwehrleitstelle in Berlin-Steglitz ein. Daraufhin wurden die Feuerwehren aus den Stadtteilen Steglitz, Wilmersdorf, Schöneberg, Kreuzberg und Zehlendorf mit verschiedenen Einsatzfahrzeugen zur Einsatzstelle entsandt. Als erstes wurden die angrenzenden Häuser geräumt. Die Einsatzkräfte und der Technische Dienst der Berliner Feuerwehr Trugen den Schutt mit der Hand ab. Ebenfalls vor Ort waren Mitarbeiter der BEWAG (Berliner Städtische Elektrizitätswerke Aktien-Gesellschaft) und der GASAG (Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft). Durch ihr wurden der Strom- und die Gasversorgung im Unglücksbereich weiträumig abgeschaltet.
Auch Mannschaften vom Roten Kreuz, allen voran Rettungshundeteams, eilten an den Unglücksort. Seite an Seite mit Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk beteiligten sich die DRK-Freiwilligen an der fieberhaften Suche nach Leben unter den Trümmern.
Um 07:05 übernahm der Landesbranddirektor die Einsatzstelle. Der Bereitstellungsraum des ELW 3 wurde in der Grunewaldstraße/Lepsiusstraße eingerichtet.
Um 07:20 Uhr war die erste Trümmerabsuche beendet. Die Hunde hatten an drei Stellen Menschen erschnüffelt. Die Hoffnung auf Überlebende wurde bestärkt. Im Hinterhaus, wo sich bereits durch lautes Rufen ein verschütteter Mieter der Feuerwehr bemerkbar gemacht hatte, schlug auch der Suchhund „Teddy“ an, der bereits 60 Rettungseinsätze hinter sich hat. Lange Menschenketten wurden gebildet, um die Gesteinsbrocken Schicht für Schicht abzutragen. Mit Rücksicht auf Verschüttete sollte ein Nachrutschen der Trümmer vermieden werden. Gegen 10:30 Uhr wurden die Arbeiten mit einem ersten Erfolg belohnt, denn der 33jährige Mieter konnte gerettet werden. Kaum verletzt und offensichtlich bei guter Verfassung wurde er ins Krankenhaus gebracht. Der Verbleib von 12 Bewohnern konnte zwischenzeitlich geklärt werden.
Ein Ehepaar (35jährige Frau hielt sich in ihrer neuen Wohnung auf und 38jähriger Mann war zur Nachtschicht), ein 62jähriger Mann war mit dem Hund unterwegs und seine 41jährige Tochter konnten sich vor dem Eintreffen der ersten Einsatzkräfte selbst aus dem eingestürzten Haus befreien und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Auch ein 33jähriger Mann (Passant) wurde mit einem RTW ins Krankenhaus gebracht. Es stand auch fest, dass eine 30jährige Frau auf dem Weg zur Arbeit war. Ein zunächst vermisstes Ehepaar zusammen mit ihrem 2jährigen Zwillingspärchen wohnte nicht mehr in diesem Haus. Ein Mieter befand sich im Urlaub und ein weiterer war vor geraumer Zeit aus dem Haus ausgezogen.
Während die Rettungshunde immer wieder auf die Trümmer geschickt wurden, um Witterung aufzunehmen, lief parallel der Betreuungseinsatz von drei DRK-Schnelleinsatzgruppen (SEG) aus Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof/Kreuzberg und Schöneberg-Wilmersdorf auf Hochtouren. Auch Seelsorger kamen zum Einsatz. Vermutet wurden bis zu zehn Personen in den Gebäuden. Mit dem Notwendigsten versorgten sie am Ort einige Mieter des Unglückshauses, die zum Zeitpunkt der Explosion nicht in den Wohnungen waren und nun fassungslos und erschüttert vor den Trümmern ihres ehemaligen Zuhauses standen. Darunter die verzweifelt hoffenden Eltern eines 13jährigen Sohnes, auf dessen Suche sich die Bergungsmannschaften jetzt konzentrierten.
Zur Ortung von verschütteten Personen wurden auch Radargeräte eingesetzt:
1. Sonartechnisches Radargerät „Sirius Typ 1“
Mit diesem Gerät ist es möglich, lebende Verschüttete zu detektieren und so den Rettungsmannschaften eine entscheidende Hilfestellung zu gewähren. Von einem Sender TX wird über eine Antenne ein Signal in das Medium (z. B. Erdboden, Mauerwerk, Trümmer, Schnee etc.) gestrahlt. Dieses wird durch die Bewegungen moduliert und reflektiert. Eine an der Oberfläche befindliche Antenne leitet das Signal weiter an den Empfänger RX. Dort wird es demoduliert und von einem Messcomputer zur weiteren Verarbeitung aufgenommen. Der Modulationsgehalt des so verarbeiteten Signals wird nun auf entsprechende spektrale Anteile untersucht und das Ergebnis dem Operator mitgeteilt. Die zwei Wesensmerkmale von Sirius, die Durchdringung von Hindernissen, die ansonsten für die meisten anderen technischen und vor allem menschlichen Sensoren unüberwindlich sind, und die Modulation des zurücklaufenden Signals durch die lebendefinierenden Bewegungen des menschlichen Herzens sowie des Brustkorbes, erlauben in Verbindung mit einer raffinierten Auswerttechnik und der geschickten Variation der Hauptparameter die Optimierung des Systems für die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete.
2. BioRadar 402
Das ist der Name für ein Gerätesystem zur Detektion und Auswertung von B ewegungen von Lebewesen, in erster Linie Menschen. Die Funktion beruht auf der Auswertung von Radarwellen, die vom Gerät ausgesendet und als reflektierte wieder empfangen werden. Damit werden alle Körperbewegungen, unter anderem auch Atemsignale bzw. Herzbewegungen, erfasst. Im Prozess der Aufarbeitung der empfangenen Signale kann das Vorhandensein eines lebenden Menschen im Strahlungskegel der Antennen mit hoher Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden. Weitergehende Aussagen sind nach Analyse der Signale im Rechner möglich. Das BioRadar 402 ist in der Lage, seine Detektion durch dielektrische Materialien hindurch auszuführen. Solche Materialien können z. B. nirmale Ziegel- bzw. Betonwände (auch mehrere Schichten nacheinander), Schichten aus Sand, Geröll, Erdreich, Schnee bis zu einer Dicke von mehreren Metern oder andere Sichthindernisse nichtmetallischer Art sein. Metallteile (z. B. Stahlarmierungen im Beton) bewirken stets anhängig von ihrer Menge ein Absinken der Empfindlichkeit. Entsprechend der beschriebenen Funktionsweise sind u. a. Anwendungen in folgenden Einsatzgebieten möglich:
Suche von verunglückten Personen nach Katastrophen (Rettungsdienste).
Detektion von Personen in Gebäuden von außen (Gebäudesicherung).
Berührungslose Überwachung von Atmung bzw. Herztätigkeit (medizinische Ferndiagnose).
Bewegungen in unterirdischen nichtmetallischen Kanälen bzw. Hohlräumen.
Die Einsatzstelle wurde in zwei Abschnitte - 1. Abschnitt: Lepsiusstraße, 2. Abschnitt: Gebäuderückseite - aufgeteilt. Das THW begann mit den Abstütz- und Räumarbeiten im 2. Abschnitt.
Unermüdlich arbeiteten sich die Bergungsteams in Handarbeit voran. Kräne hievten Schuttwannen in die Höhe. Die Rettungshunde zeigten immer wieder an den bereits zuvor lokalisierten Punkten an. Aber die Hoffnung, die vermissten sieben Bewohner noch lebend zu finden, schwand trotz zusätzlichen Einsatzes modernster Ortungstechnik durch das THW von Stunde zu Stunde. Alle Rettungsteams gingen bis zum Schluss trotz Erschöpfung und Müdigkeit hoch motiviert zur Sache in der Hoffnung, noch Menschenleben retten zu können.
Am nächsten Tag um 04:08 Uhr wurde aus den rechten Teil des Gebäudes eine ältere weibliche Person tot geborgen. Um 07: 25 Uhr wurde der Fuß einer weiteren verschütteten Person im rechten Teil des Gebäudes frei gelegt. Hoffnung keimte noch einmal auf, als der Hund des 13jährigen vermissten Jungen munter entgegen sprang. Der Junge wurde aber um 10:40 Uhr leblos aus den Trümmern geborgen. Um 11:10 Uhr wurde eine zweite weibliche ältere Person geborgen. Eine weitere männliche ältere Person wurde um 14:40 im ehemaligen Eingangsbereich des eingestürzten Gebäudes geborgen. Um 15:20 Uhr wurde eine Katze lebend aus den Trümmern gerettet. Eine weibliche leblose Person wurde um 19:50 Uhr geborgen. Die letzte vermisste, weibliche Person wurde um 22:30 Uhr gefunden und leblos geborgen.
Die traurige Bilanz dieses Unglücks waren sieben Tote, eine gerettete Person, ein geretteter Hund und eine gerettete Katze.
Nachdem alle Toten gefunden worden waren, wurden die Aufräumarbeiten mit schwerem technischem Gerät fortgesetzt. Am dritten Tag überprüfte die Bauaufsicht die Standsicherheit der benachbarten Wohnhäuser mit dem Ergebnis, dass mit vereinzelten Einschränkungen die Bewohner wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten.
Die Einsatzstelle wurde mit 3.000 Einsatzkräfte (Polizei, Feuerwehr, THW, DRK ASB, Notfallseelsorger sowie zahlreiche Behörden und Betriebe) im ständigen Wechsel bewältigt. 60 Stunden betrug die Einsatzdauer. In der Zeit wurden ca. 2.000 t Trümmerschutt bewegt.



