Düsseldorf: Explosion mit Gebäudeeinsturz
Bericht
In Düsseldorf Flingern, Krahestraße 8 kam es am 24.07.1997 zu einer Gasexplosion. Es war die folgenschwerste Gasexplosion in Düsseldorf nach dem II. Weltkrieg, wobei ein viergeschossiges Wohnhaus total einstürzte.
Im Verlauf des Einsatzes stellte sich heraus, dass das betroffene Objekt seit 1986 keinen Gasanschluss mehr hatte, d. h. der Hausanschluss war bis in den Keller verlegt und dort mechanisch durch einen Verschlussstopfen dicht verschlossen.
Bei der Ursachenermittlung vermutete die Kriminalpolizei anfangs, dass die die Explosion durch eine defekte Gaslaterne vor dem Haus ausgelöst wurde. Es stellte sich aber heraus, dass diese völlig intakt war. Die späteren Ermittlungen zeigten, dass an dem stillgelegten Hausanschluss in krimineller Absicht ein Blindstopfen entfernt worden war, so dass unverbranntes Gas ausströmen konnte. Dieses entzündete sich und zerstörte das Haus vollständig. Auch an den Häusern der Umgebung entstanden schwere Schäden. Bei der Explosion kamen 6 Menschen ums Leben, zwei Hausbewohner konnten schwer verletzt unter lebensgefährlichen Bedingungen für die Einsatzkräfte gerettet werden. Bei den langwierigen Rettungs- und Bergungsarbeiten verletzten sich auch zwei Einsatzkräfte.
Das betroffene Haus befindet sich in einem Viertel mit sozialen Brennpunkten, wo überwiegend Wohnbebauung mit einzelnen kleineren Gewerbenutzungen vorhanden ist. In unmittelbarer Nähe verläuft die S-Bahn Linie Düsseldorf-Mettmann und die Bundesbahnhauptstrecke Düsseldorf-Duisburg.
Durch den Explosionsdruck wurde die Kellerdecke von der Unterseite belastet und angehoben. Dadurch wurden die Obergeschosse ebenfalls angehoben, die Gebäudeaußenwände nach außen gedrückt und das Haus stürzte schließlich in seiner Gesamtheit mit Ausnahme von Teilen der Mittelwand sowie des relativ stabilen Treppenhauses in den Keller. Zurzeit des Unglücks hielten sich „nur“ acht von dort 15 gemeldeten Personen im Haus auf. Zu einem Brand kam es nicht. Vermutlich wurde die Explosionsstichflamme durch herabstürzende Gebäudeteile und die große Staubentwicklung gelöscht.
In der Leitstelle der BF gingen um 03:06 Uhr mehrere Notrufmeldungen über eine Explosion im Bereich der Krahestraße ein. Auch von der Leitstelle der Polizei an die Leitstelle der Feuerwehr ging diese Information ein. Daraufhin eröffnete der Diensthabende einen Einsatz mit dem Einsatzstichwort „Explosion“ und entsprechend der Alarm- und Ausrückeordnung rückten die entsprechenden Einheiten aus. Zusätzlich wurden die Stadtwerke „Entstörungsdienst Gas“ benachrichtigt.
Die Einsatzkräfte der zuständigen Feuerwache 4 trafen um 03:09 Uhr als erste an der Einsatzstelle ein und fanden das Ausmaß einer gewaltigen Explosion vor. Sie begannen sofort mit der Rettung einer eingeklemmten Person in den Trümmern im Straßenbereich, wo sie durch die Einsatzkräfte entdeckt wurde. Nach dem Eintreffen des B-Dienstes wurden sofort weitere Kräfte und Mittel nachalarmiert, sowie schweres Räumgerät und Suchhunde angefordert. Da ständig Gasgeruch vorhanden war, prüften die C-Dienste mit den auf den ELW 1 mitgeführten Messgeräten die Ex-Gefahr. An nahezu allen Stellen des Trümmerkegels war eine explosionsfähige Atmosphäre vorhanden. Trotz der bestehenden Explosionsgefahr wurde unter dem Minimalschutz von C-Rohren die Arbeit nach der verschütteten Person fortgesetzt.
An der Einsatzstelle wurden im Umkreis von 50 m nach Absprache der Einsatzleiter Feuerwehr und Polizei alle parkenden Fahrzeuge abgeschleppt, um den Platz für die Einsatzkräfte und das erforderliche Räumgerät zu schaffen. Die Polizei räumte die beiden benachbarten und gegenüberliegenden Häuser vollständig. Es wurden zwei Einsatzabschnitte entsprechend der Zugänglichkeit für die Einsatzkräfte gebildet. Abschnitt 1 - Gebäudevorderseite mit den Feuerwachen 1 und 4, Abschnitt 2 - Gebäuderückseite (Hinterhof) mit den Feuerwachen 2, 3 und 4.
Aufgrund der größeren Anzahl von vermissten Personen wurde auf Weisung des B-Dienstes ein Einsatz mit dem Stichwort „MANV 2“ (Massenanfall Verletzter und/oder Erkrankter) eröffnet. Danach rückten 8 RTW, 4 KTW, 1 NAW, WLF (Wechselladerfahrzeug) mit AB-Rettung, G-KTW (Großraumkrankentransportwagen), ELW 2, der leitende Notarzt, 2 LF 24, 2 DLK 23/12, 1 TLF 24/50, 1 TroTLF, zwei Löschgruppen der freiwilligen Feuerwehr (FF), ein weiterer C-Dienst und der A-Dienst aus. Die Leitstelle wurde aufgrund der Meldungen durch einen weiteren Beamten des höheren Dienstes verstärkt. Ein NEF (Notarzteinsatzfahrzeug) des DRK wurde zur Einsatzstelle entsandt. Weitere Fahrzeuge der Hilfsorganisationen standen besetzt an verschiedenen Standorten bereit. Für die nachrückenden Einheiten wurden zwei Bereitstellungsräumen festgelegt.
An der Einsatzstelle waren Gasgeruch und eine explosionsfähige Atmosphäre vorhanden. Der Gasversorger teilte mit, dass für das explodierte Haus kein Gasanschluss besteht und es nicht möglich war, den Hausanschluss zu schließen. Im Auftrag der Stadtwerke wurden die Gasversorgungsleitungen mit einem Bagger vor und hinter der Einsatzstelle freigelegt und durch Anbohren und Einbringen von Stickstoffgasblasen dicht gesetzt. Anschließend erfolgten eine Spülung des defekten Leitungsteils mit Stickstoff und erneute Messungen. Mitarbeiter der Stadtwerke prüften mit Messsonden die Gasversorgungsleitung im Unglücksbereich auf Dichtheit, konnten aber keine weiteren Undichtheiten feststellen.
Durch die Leitstelle wurde um 03:29 Uhr der „Stab Leitstelle“ alarmiert, der grundsätzlich die Aufgabe hat, bei Großeinsätzen die Einsatzorganisation in der Leitstelle zu koordinieren. Zum diensthabenden Pressesprecher wurde ein dienstfreier Pressesprecher in die Leitstelle beordert.
Die Alarmierung der Löschgruppe „Logistik“ der FF erfolgte zum Ausleuchten der Einsatzstelle und zur Versorgung der Einsatzkräfte.
Um 03:35 Uhr wurden die umliegenden Notfallkrankenhäuser von der Leistelle benachrichtigt und gleichzeitig ein aktueller Bettennachweis eingeholt.
Eine erste Sofortmeldung mit dem aktuellen Sachstand an der Unglücksstelle ging an die Bezirksregierung Düsseldorf.
An der Einsatzstelle befanden sich zu diesem Zeitpunkt die Kräfte von fünf Feuerwachen und zwei Löschgruppen der FF. Zur Gewährleistung der Sicherheit für das Stadtgebiet wurden die Feuerwache 1 durch die Feuerwache 6 und die Feuerwachen 3, 4, 6 und 8 mit Löschgruppen der FF besetzt.
Im Bereitstellungsraum meldete sich um 03:42 Uhr der ELW 2 einsatzbereit. In diesem Fahrzeug bildeten der A- und B-Dienst eine Einsatzleitung vor Ort. Nach Festlegung des Standortes für den Verbandplatz - Abschnitt 3 - durch den Abschnittsleiter Rettungsdienst/Nachschub wurde dieser von einer Löschgruppe der FF und den vorhandenen Rettungsdienstkräften eingerichtet. Der vierte Abschnitt wurde zur Pressbetreuung eingerichtet. Da der Einsatz lange dauern würde, forderte der Abschnittsleiter „Nachschub“ Toiletten einer Privatfirma an, die in diesem Bereich zur Aufstellung kamen.
Die geräumten Häuser Nr. 6 und 10 wurden auf ihre Standsicherheit kontrolliert, insbesondere im Bereich der Giebel und Außenwände. Da die Giebelwand des Hauses Nr. 6 an der Gebäudevorderseite im Bereich Erdgeschoss bis zum 1. Obergeschoss keine Verbindung mehr zur Gebäudeaußenwand hatte, mussten Abstützarbeiten eingeleitet werden. Es wurden folgende Maßnahmen vorgenommen:
1. Schaffung eines Widerlagers im Bereich der Giebelwand mit Hilfe des Kranauslegers vom Feuerwehrkran. Zur Vergrößerung der Auflagefläche wurden am Kopf des Auflegers Kanthölzer befestigt.
2. An der Gebäudeaußenwand zur Straße wurde eine provisorische Abstützung mit Holzbalken angebracht.
Beide Maßnahmen brachten den gewünschten Erfolg. Zur Klärung der statischen Verhältnisse aller betroffenen Gebäude wurde ein Statiker des Bauaufsichtsamtes angefordert.
In der Zeit von 04:12 Uhr bis 05:00 Uhr wurden der Amtsleiter und der zuständige Dezernent benachrichtigt, die im Laufe des Morgens zur Einsatzstelle kamen. Eine weitere Sofortmeldung über den aktuellen Sachstand der eingeleiteten Maßnahmen ging an die Bezirksregierung Düsseldorf. Die im Straßenbereich eingeklemmte Person konnte befreit werden und vom NAW zur Uniklinik transportiert werden. Ein verletzter Feuerwehrbeamter wurde ebenfalls eingeliefert. Der Entstördienst Strom der Stadtwerke schaltete den gesamten Straßenbereich stromlos. Zum Abtransport von Trümmern wurden zehn Lkw und ein zweiter Radlader nachgefordert. Um 05:00 Uhr trafen die Hundestaffel des DRK und das THW mit Räumgerät an der Einsatzstelle ein.
Zuerst suchten die Rettungshunde das Trümmerfeld im Einsatzabschnitt 1 ab, konnten aber keine weiteren Personen orten. Daraufhin wurde mit der Beräumung der Trümmer begonnen. Danach wurde ein Hund über das Trümmerfeld geschickt und vom Hundeführer das Verhalten des Hundes beobachtet. Anschließend wurden nacheinander weitere Hunde in die Einsatzstelle geschickt, um die Wahrnehmung des ersten Hundes zu bestätigen. Wenn der Hund eine Spur aufgenommen hatte, sollte er je nach Zustand der Person (lebend oder tot) unterschiedlich anschlagen. Während des Einsatzes stellte sich diese Methode des Auffindens von verschütteten Personen als zuverlässig dar. In einem Hohlraum im Kellerbereich an der Gebäudeaußenwand fanden die Einsatzkräfte eine zweite bei Bewusstsein befindliche, aber eingeklemmte Person. Der Notarzt übernahm die medizinische Versorgung der Person und danach wurde sie nach und nach frei gelegt. Unklarheiten gab es über die Anzahl der vermissten Personen in dem Haus.
Bei ihren Pressemitteilungen stimmten sich die Pressesprecher von Polizei, Feuerwehr und Stadtwerke untereinander ab. Der von Seiten der Feuerwehr dafür eingerichtete Abschnitt führte dazu, dass die Rettungsarbeiten nicht behindert wurden. Um 06:09 Uhr befanden sich mehrere Angehörige von im Haus vermuteten Personen an der Einsatzstelle, die durch einen angeforderten Notfallseelsorger betreut wurden. Für Anfragen betroffener Personen wurde von der Abteilung Bevölkerungsschutz ein Bürgertelefon eingerichtet. Zur Sicherstellung von an der Einsatzstelle aufgefundenen Dokumenten richtete die Polizei in einem Zelt des AB-Rettung einen Asservatenraum ein. Angenommene Beweisstücke wurden sichergestellt.
Nach der Befreiung der zweiten eingeklemmten Person und keiner weiteren Ortung von lebenden Personen wurden die Räumungs- und Rettungsarbeiten aufgrund des unverhältnismäßig hohen Eigenrisikos eingestellt. Es erfolgte eine Ablösung der bis dahin eingesetzten Kräfte vor Ort und die Führungskräfte der einzelnen Hilfsorganisationen legten das weitere Vorgehen fest.
Von der Einsatzstelle kam die Rückmeldung, dass 18 Personen nicht mehr in ihre Wohnungen zurückkehren können. Zur Klärung der vorläufigen Unterbringung in Notunterkünften benachrichtigte die Leitstelle einen Ansprechpartner des Sozialamtes.
Um 07:11 Uhr meldeten die Stadtwerke, dass die Gasleitung abgedichtet ist und alle Gasmessungen negativ waren. Nun konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Das Trümmerfeld wurde schichtweise von oben nach unten abgetragen. Die Trümmer wurden soweit dies möglich war, verladen und abtransportiert. Es musste mit größter Vorsicht vorgegangen werden, weil überstehende Giebelteile in die Einsatzstelle zu stürzen drohten. Zur Beräumung der Einsatzstelle trafen weitere Räum- und Transportgeräte ein. Da nicht davon auszugehen war, dass alle Personen gleichzeitig gefunden und ärztlich versorgt werden mussten, verblieben nur ein NAW und zwei RTW an der Einsatzstelle.
Die BF Dortmund bot eine Endoskopiekamera zur Vermisstensuche einschließlich Bedienungspersonal an. Die Kamera kam zunächst zur Unterstützung der Suchhunde zum Einsatz. Um 13:13 Uhr gelang es mit der Endoskopiekamera eine Person zu orten. Eine gezielte Ortung erwies sich wegen starker Geräusche als unmöglich. Durch Wanddurchbrüche aus den Nachbarhäusern ließ sich der Keller mit der Endoskopiekamera in verschiedene Bereiche sichten. Auf der Hofseite in einem Bereich, in dem bereits Suchhunde angeschlagen hatten wurde eine tote Person mir der Endoskopiekamera geortet und freigelegt. In unmittelbarer Nähe gelang es, eine zweite Person zu orten und zu bergen. Um 19:00 Uhr schlugen die Suchhunde im mittleren Teil des Hauses an. Eine Bergung der dort vermuteten Person konnte wegen der bestehen den Einsturzgefahr zu diesem Zeitpunkt nicht erfolgen.
Zur Gewährleistung der Stabilität der Giebelwände wurden im Laufe des Tages bis Mitternacht Verstärkungen, Gittermaststützen, Abstützbalken und Querverstrebungen angebracht. Am 25.07. um ca. 02:30 Uhr waren die Abstützarbeiten beendet. Der Einbau der Verstrebungen gestaltete sich durch die bereits eingebrachten Verstrebungen sowie das stehengebliebene Treppenhaus äußerst schwierig und erforderte den parallelen Einsatz von bis zu zwei Mobilkränen und zwei Hubsteigern sowie „ziehenden“ Bodenmannschaften.
Um 02:45 Uhr wurde im mittleren Teil des Hauses eine weitere Person tot geborgen, die am Vortag um 19:00 Uhr geortet worden war. Eine weitere tote Person wurde um 07:46 Uhr geortet. Die Bergung war aber nicht möglich, da diese unter Stahlträgern eingeklemmt und von einem Doppel-T-Träger gepfählt war. Erst am Abend gegen 21:13 konnte sie geborgen werden.
Die Überprüfung der Giebelwandverstrebungen am Haus 6 ergab, dass sich der Giebel geneigt hatte und in die Einsatzstelle zu stürzen drohte. Helfer des THW sicherten den Giebel und es wurde begonnen die Giebelwände im oberen Bereich mit der Hand abzutragen.
Am 26.07. um 02:26 Uhr bzw. um 02:42 Uhr wurden zwei weitere Tote in den Trümmern aufgefunden. Damit erhöhte sich die Anzahl der Opfer auf 6. Nach nochmaligem Absuchen des bis in Erdgeschosshöhe abgetragenen Trümmerfeldes durch Suchhunde und Einsatz der Endoskopiekamera konnten keine weiteren Personen geortet werden. Daraufhin wurde die Alarmbereitschaft des THW aufgehoben, die Rettungshundestaffel und die BF Dortmund mit der Endoskopiekamera rückten ab.
Im laufe des Vormittags kontrollierten Feuerwehrangehörige die umliegenden Häuser zur Einsatzstelle und nahmen die durch die Explosion entstandenen Schäden auf. Von den Anwohnern durften in Absprache mit dem Einsatzleiter aus den zerstörten Häusern kleine persönliche Gegenstände gesichert werden. Die Gebäude 10 und 13 durften auch von Zivilisten bzw. Möbelpackern in Verbindung mit der Feuerwehr begangen werden.
Zur Klärung der weiteren Vorgehensweise löste der zuständige Dezernent für Sozialamt, Bauaufsicht, Ordnungsamt, Presseamt, Polizei und Feuerwehr SAE-Alarm aus (SAE = Stab für außergewöhnliche Ereignisse). Nach dem Ausräumen der Einsatzstelle und einer abschließenden Endkontrolle durch die Feuerwehr erfolgte am 27.07. 1997 um 03:45 Uhr die Übergabe der Einsatzstelle an die Polizei. Die Einsatzstelle wurde umfangreich gesichert und bewacht. Mitarbeiter des Sozialamtes kümmerten sich um die von der Katastrophe unmittelbar betroffenen Personen, z. B. bei der Wohnungsvermittlung. Um 19:00 Uhr wurde der SAE-Alarm wieder aufgehoben.
Abschließend wurden noch einige kritische Anmerkungen zum Einsatzablauf aufgeführt, um zukünftig ähnliche auftretende Großereignisse noch besser bewältigen zu können.



