Komplizierte Menschenrettung
Bericht
Die Freiwillige Feuerwehr der Hauptwache Hanau und die Stadtteilwehr Klein-Auheim wurden am 28. Februar 2009 um 02:15 Uhr mit dem Stichwort „Person auf Dach in Zwangslage“ alarmiert. Das Einsatzobjekt, ein dreigeschossiges Wohngebäude mit Flachdach, befindet sich im Gewerbegebiet von Klein-Auheim unmittelbar an einer Straße. Daran angeschlossen, rechtwinklig zur Straße, befindet sich eine mit Eternit gedeckte Lagerhalle. Das Wohnhaus war von der Straßenseite aus, die Lagerhalle über einen Hof unmittelbar an der Rückseite des Hauses zu begehen. Die Hallentür war aus Metall und mit einer Drahtglasscheibe und Sicherheitsverschlüssen ausgestattet.
Die Einsatzkräfte gingen davon aus, dass sich eine Person auf dem Dach befindet, die über eine tragbare Leiter oder die DLA(K) gerettet werden kann. Nach dem Eintreffen am Einsatzort suchten die Einsatzkräfte die Einsatzstelle ab. Auf dem Dach des Wohnhauses war niemand zu sehen oder machte sich dort bemerkbar. Auch die Erkundung des Hofes und des Lagerhallendaches ergab keine andere Situation. Erst nach den Informationen durch die Frau des Verunglückten wurde dieser gefunden. Er war vom Balkon des dritten Stocks etwa 6 m tief in das Dach der Halle gestürzt. Die weitere Erkundung ergab, dass die Person das Eternitdach durchschlagen hatte und auf einem Balken im Dachboden und Teilen der Dämmung lag. Der Balken hatte den weiteren Fall in die Halle darunter verhindert. Der Abstand zwischen Dachdeckung und Dachboden betrug an dieser Stelle weniger als 70 cm. Die etwa einen halben Quadratmeter große Öffnung befand sich zwischen den Balkenreihen unmittelbar an der Hausmauer.
Der Mann war bei Bewusstsein und klagte über starke Schmerzen. Eine erste Untersuchung durch den Truppführer, der über eine Rettungsassistentenausbildung und langjährige Erfahrung verfügt, ergab, dass sowohl Brüche im Bereich der Beine, des Beckens, der Handgelenke als auch im Brustkorb vorliegen müssten. Ebenso konnten Schürfwunden am Kopf, am Rumpf und an den Armen festgestellt werden. Auch der auf das Dach mitgegangene Truppmann hat eine Ausbildung und Erfahrungen als Rettungssanitäter. Dadurch konnte eine optimale Versorgung und weitere Behandlung der Person gewährleistet werden. Der nach kurzer Zeit eintreffende Notarzt und die Besatzung des Rettungswagens begaben sich auf einen der Balkone im ersten Obergeschoss. Von dort hatten sie gute Sicht auf die Absturzstelle und die beiden Einsatzkräfte. Der Notarzt konnte so die Handlungen der beiden Retter mehr oder weniger direkt verfolgen und entsprechende Hinweise geben bzw. die notwendigen Materialien nach unten reichen.
Stabilisierung des Verletzten.
Nach dem ersten Kontakt mit dem Verletzten durchtrat einer der beiden Feuerwehrmänner den Boden das Dachbodens. Darunter befand sich ein Gang, der zur Halle führte. Die Tür dorthin war verschlossen und musste im Zuge der Rettungsmaßnahmen gewaltsam geöffnet werden. Nach der Öffnung der Lagerhallentür wurde zur Sicherheit die Lkw-Rettungsbühne unter der Einsatzstelle im Gang aufgebaut. Bedingt durch die Dachkonstruktion konnte das Loch im Deckenboden von unten nicht vergrößert werden.
Das knapp 40 x 40 cm große Loch vom Hallengang aus.
Nach der ersten Lageerkundung wurde die DLA(K) in Stellung gebracht. Über den Korb der DLA(K) wurde der Truppmann auf dem Dach von einer Einsatzkraft, die über Erfahrung in der Höhenrettung verfügt, gesichert. Die DLA(K) konnte relativ dicht an das Haus heranfahren, und über den abgeknickten Gelenkarm wurde der Korb direkt über der Absturzstelle in Stellung gebracht. Der Truppführer auf dem Dach wurde über den Balkon im 2. Obergeschoss ebenfalls mit Höhenrettungsgeschirr gesichert. Der Patient, der vor allem auf einem Balken lag, wurde mit zwei Schlingen des Gerätesatzes Höhenrettung an einem Steckleiterteil provisorisch gesichert.
Die mit Höhenrettungsgeschirr gesicherten Feuerwehrmänner bei der Versorgung des Verunglückten.
Um den Patienten besser versorgen zu können sowie die Transportfähigkeit und seine Befreiung sicherzustellen, entfernte der Truppmann einige Eternitteile und vergrößerte so das Loch im Dach. Mit einer Motorkettensäge konnte auch ein Stück eines nicht tragenden Balkens entfernt werden, so dass die Arbeitsöffnung auf etwa einen Quadratmeter vergrößert werden konnte. Um einen Absturz der Dachkonstruktion zu verhindern, konnten keine weiteren Teile von der Balkenkonstruktion entfernt werden.
Die Ausleuchtung der Einsatzstelle erfolgte über die Scheinwerfer am Korb der Drehleiter, einem tragbaren Flutlichtstrahler, einem Halogenscheinwerfer auf Stativ von einem Balkon aus sowie durch die Handlampen unmittelbar an der Einsatzstelle.
Bedingt durch den beengten Raum dauerte die Versorgung, Ruhigstellung und Stabilisierung der Gliedmaßen etwa eine Stunde, da der Patient beim Anlegen des Stabilisierungsmaterials so schonend wie möglich bewegt werden sollte. Der Anfangsverdacht auf eine Rückgratsverletzung bestätigte sich im Laufe der Versorgung nicht. Da der Mann die ganze Zeit ansprechbar war und sich sein Zustand nicht verschlechterte, zog man diese schonende Behandlung einer Crashrettung vor.
Der Verunglückte wurde aus dem Dachboden geborgen und wird für den Transport versorgt.
Im Verlauf der Rettungsmaßnahmen verschlechterte sich der psychische Zustand der Lebensgefährtin des Verunglückten mit der Zeit jedoch zunehmend. Deshalb wurde der zuständige Notfall-Seelsorger alarmiert und von der FF Marköbel zur Einsatzstelle gebracht.
Eine weitere Erkundung an der Einsatzstelle ergab, dass die Schleifkorbtrage durch ein Fenster in das Treppenhaus und von dort nach unten gebracht werden konnte.
Nach dem Abschluss aller Vorbereitungen zur Befreiung des Patienten wurde der schwer verletzte Mann aus dem Dach gehoben und in die Schleifkorbtrage gelegt. Die weitere Behandlung erfolgte im Rettungswagen.
Nach Abschluss der erforderlichen Sicherungsarbeiten endete der Einsatz für die Feuerwehr gegen 05:30 Uhr.
Den Einsatz führten der technische Leiter der Feuerwehr Hanau und der Wehrführer Klein-Auheim gemeinsam. An diesem Einsatz waren rund 20 Einsatzkräften der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und der Polizei beteiligt.



