Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Ereignisse Technische Hilfeleistungen Personenrettung auf Industrieschornstein
Artikelaktionen

Personenrettung auf Industrieschornstein

Höhenrettungseinsatz der BF Stuttgart im Rahmen der Überlandhilfe. In der Nacht vom 01.08. zum 02.08.1999 war eine Person in suizidaler Absicht auf die Krone eines 73 m hohen Schornsteins in Esslingen am Neckar geklettert. Die Höhenrettungsgruppe (HÖRG) der Berufsfeuerwehr Stuttgart führte im Rahmen der Überlandhilfe die Rettung der Person in enger Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehr Esslingen, dem Notfallseelsorger des DRK Esslingen sowie dem Rettungsdienst und der Polizei durch.
01.08.1999 23:49
Esslingen am Neckar
Deutschland / Baden-Wuerttemberg
Ereignis: Technische Hilfeleistungen
Bereich: Industrie
Objekt: Produktionsstaette
Stichworte: Höhenrettung, Organisation, Technische Hilfeleistung, Überlandhilfe
Autor: Michael Stelzer, Christian Schwarz, BF Stuttgart
Quelle: Brandschutz - Deutsche Feuerwehr-Zeitung, 09/2000, S. 869-871

 

Bericht

In der Nacht vom 01.08. zum 02.08.1999 wurde die HÖRG der Berufsfeuerwehr Stuttgart von der Freiwilligen Feuerwehr Esslingen am Neckar um Unterstützung gebeten. Bei der HÖRG handelt es sich um eine Sondereinheit für Rettungs- und Hilfeleistungseinsätze in absturzgefährdeten Bereichen, bei großen Höhen und Tiefen, die rund um die Uhr vom jeweiligen Einsatzleiter vor Ort im gesamten Regierungsbezirk Stuttgart zur Beratung oder Maßnahmendurchführung bei besonderen Einsatzlagen angefordert werden kann.

Ein 22-jähriger Mann war in Esslingen kurz vor Mitternacht in suizidaler Absicht auf einen 73m hohen Industrieschornstein geklettert. Es handelt sich hier um einen umgebautes, ehemaliges Industriebetrieb, der heute als Freizeitareal dient. Der Schornstein liegt im Innenhof des ringförmig konzipierten Gebäudekomplexes und verfügt über eine Steiganlage aus U-Tritteisen mit Rückenschutz. Einzige Zugangsmöglichkeit zur Steiganlage, die in rund 13m Höhe auf einem Flachdach beginnt, ist eine verschlossene Tür im Obergeschoss eines Kinos. Nach eigenen Aussagen gelangte der junge Mann über die Dachrinne auf das Flachdach des Vorbaus.

Die Alarmierung ging 23:46 Uhr über die Polizei der Notruf bei der Feuerwehrleitstelle Esslingen ein. Der 22-jährige hatte Bekannte per Handy über seinen Aufenthaltsort und die suizidalen Absichten informiert. Auf das Einsatzstichwort „Hilfeleistung: Person droht zu springen“ werden durch die Feuerwehrleistelle zunächst der Rüstzug und eine DLK 23-12 sowie ein RTW und das NEF alarmiert. Der Einsatzleiter der FF Esslingen veranlasst nach umfassender Lageerkundung die Alarmierung der HÖRG der BF Stuttgart und des Notfallseelsorgedienstes des DRK Esslingen. Parallel zur Erkundung vor Ort fand bereits ein erster Informationsaustausch zwischen der Einsatzzentrale der BF und der Feuerwehrleitstelle Esslingen statt. Um 0:24 Uhr befand sich die HÖRG mit dem ELW-A (Besatzung: 1/1) und dem GW-Höhenrettungsdienst (Besatzung: 1/2) bereits auf der Anfahrt zur Einsatzstelle.

Vorgehensweise:
Der zwischenzeitlich eingetroffene Notfallseelsorger unternahm nach kurzer Lageeinweisung durch die Einsatzleitung den Versuch, per Handy Verbindung zu der Person auf dem Schornstein aufzunehmen. Der erste Kontakt, wie auch weitere folgende, wurde von dem jungen Mann sofort wieder abgebrochen. Zeitgleich wurde durch die Polizei die Räumung des Innenhofes sowie die Absperrung der Zugänge veranlasst. Sämtliche Einsatzkräfte wurden ebenfalls aus dem Sichtbereich des Mannes zurückgezogen. Im toten Winkel des Suizidanten wurde von Einsatzleiter Höhenrettung eine umfassende Erkundung und Gefährdungsermittlung im Bereich des Schornsteinfußes durchgeführt. Gegen 00:50 Uhr konnte der Notfallseelsorger einen stabilen Kontakt zu dem Mann herstellen. Zehn Minuten später zeichnete sich ab, dass der Mann bereit war, den Rückzug anzutreten. Er willigte in die Rettung durch einen Feuerwehrmann ein, da er physisch und psychisch nicht mehr in der Lage war, den Abstieg vom Kamin gesichert und unterstützt durch den Höhenretter aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Der Aufbau der für die Rettung erforderlichen Technologie wurde zwischenzeitlich durchgeführt und abgeschlossen. Der Einsatzleiter entschied sich für den Einsatz des Rettungsdreiecks unter Verwendung von zwei „aktiven Seilen“ im indirekten Verfahren, da sich das Rettungsdreieck auch in exponierten Situationen schnell und einfach anlegen lässt. Da der sehr enge, entlang der Tritteisen angebrachte Rückenschutz einen Durchstieg des ausgerüsteten Höhenretters nicht erlaubte, musste der Aufstieg auf der Außenseite der Schutzringe erfolgen. Während der Zeit der Rettung wurde der Mann zuerst vom Notfallseelsorger telefonisch begleitet und über Maßnahmen informiert, später übernahm die Kommunikation der Höhenretter. Nach dem Abseilvorgang wurde er in die weitere Obhut des Notfallseelsorgers übergeben.

Besonderheiten:

  • Einsätze bei Dunkelheit stellen in jeder Hinsicht erhöhte Anforderungen an die Einsatzkräfte
  • Einsatz von Beleuchtungsgeräten verbessern die Arbeitsbedingungen entsprechend den örtlichen Verhältnissen
  • gute und blendfreie Ausleuchtung bei dieser Objekthöhe nur schwer realisierbar
  • bei Beleuchtungsmaßnahmen nicht planbare Reaktionen des Suizidanten müssen in die Überlegungen mit einbezogen werden

 

Am 10.10.2000 um 7:00 Uhr waren die Arbeiten abgeschlossen und die Einsatzstelle wurde von der Berufsfeuerwehr Heilbronn an den Betrieb übergeben.

Fazit:
Durch die frühzeitige Entscheidung des Einsatzleiters der FF Esslingen, die HÖRG zu alarmieren, konnte der Einsatz an einem sehr schwierigen Objekt in relativ kurzer Zeit mit adäquaten Rettungsmitteln zu einem guten Ende gebracht werden.
Das taktische Konzept zur Durchführung von Höhenrettungseinsätzen außerhalb Stuttgarts hat sich bewährt. Es kommt hier zu einer Aufgabenteilung der Führungskräfte der BF Stuttgart.


Ansprechpartner:

Michael Stelzer, Brandoberinspektor, Wachabteilungsführer Feuerwache 5 und Stellv. Leiter der Höhenrettungsgruppe, Branddirektion Stuttgart Dr. Christian Schwarz, Brandassessor, Sachgebietsleiter Einsatzplanung, Organisation, Personal, Rettungsdienst, Höhenrettung und Stellv. Abteilungsleiter der Abteilung Einsatz, Branddirektion Stuttgart

Referenzen:

weitere Dokumente:

erstellt von slienert am - 25.01.2007 12:43