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Reutlingen: Ammoniakfreisetzung an einem Eislauf- und Freizeitcenter

An der Ammoniakanlage der Eislaufhalle in der Rommelbacher Straße in Reutlingen wurde der Feuerwehr am 27. Juli 2009 um 13:55 Uhr ein Leck gemeldet. Bei den laufenden Sanierungsarbeiten wurde das Dach der Eislaufhalle abgebaut. Durch starke Sonneneinstrahlung auf die Eislauffläche, unter der die Ammoniak-Kühlrohre verlegt sind, heizte sich das noch in dem System befindliche Ammoniak auf. Dadurch kam es im Ammoniakbehälter zu einem Überdruck, der das Überdruckventil auslöste und Ammoniak ins Freie strömen ließ. In der unmittelbaren Umgebung war eine Reizung der Schleimhäute zu verspüren und eine erhebliche Geruchsbelästigung festzustellen.
27.07.2009 13:55
Reutlingen
Deutschland / Baden-Wuerttemberg / Landkreis Reutlingen
Ereignis: Technische Hilfeleistungen
Bereich: oeffentliche Bereiche
Objekt: Sonstige
Stichworte: Chemikalien, Großschadenlage, Hilfeleistung, Personenschaden, Sicherheitsmassnahmen, TUIS
Autor: Harald Herrmann, Oberbrandrat Feuerwehrkommandant, Feuerwehr Reutlingen
Quelle: Deutsche Feuerwehr-Zeitung BRANDSchutz (2009)11, S. 922 - 928, 4 Abb., 1 Tab.; Reutlinger General-Anzeiger 2009; BF Reutlingen

 

Bericht

Bei Sanierungsarbeiten in einem Eislauf- und Freizeitcenter in Reutlingen kam es am vorletzten Schultag vor den Sommerferien 2009 zur Freisetzung von zirka 500 bis 800 Kilogramm Ammoniak. 77 Personen mussten im Verlauf des Einsatzes medizinisch untersucht und sieben Personen in ein Klinikum gebracht werden. Derartige Gefahrstoffunfälle mitten in bebautem Gebiet sind zwar selten, stellen aber auch städtische Feuerwehren vor große Herausforderungen.

Das Eislauf- und Freizeitcenter liegt zirka 500 Meter nördlich der Reutlinger Altstadt. Es liegt nur wenige Meter von der vierspurigen Ost-West-Trasse (Bundesstraße 28) und der Ausfallstraße Richtung Nordstadt, der Rommelsbacher Straße, entfernt. In der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es ein großes Autohaus, einen großen Möbelmitnahmemarkt sowie drei Schulen und mehrere Kindergärten bzw. Kindertageseinrichtungen. Unmittelbar an das Einsatzobjekt grenzen die Wohngebiete Römerschanze, Storlach und Voller Brunnen an.

Eislaufcenter01 

Luftbildaufnahme der Einsatzstelle - das Dach des Eislauf- und Freizeitcenters war wegwn von Sanierungsarbeiten entfernt worden.

1979 wurde das Eislaufcenter in Stahlskelettbauweise errichtet und verfügt über eine Eislauffläche von zirka 30 x 60 Metern. An den Enden des Gebäudes befinden sich zwei Kopfgebäude, in denen die Technik untergebracht ist. An der Längsseite befinden sich weitere Betriebsräume wie Umkleiden, eine Gaststätte und der Schlittschuhverleih. Das Eislauf- und Freizeitcenter ist mit einem Membrandach überspannt.

Zum Zeitpunkt des Schadenereignisses fanden im Eislauf- und Freizeitcenter Sanierungsarbeiten statt. Das zirka 30 Jahre alte Dach sollte erneuert werden. Am Unglückstag war das Dach bereits entfernt worden. Durch die hohe Außentemperatur von 30 °C und die direkte Sonneneinstrahlung auf die Eislauffläche, unter deren Estrich die Kühlleitungen verlegt sind, wurde das in dem Kühlsystem befindliche Ammoniak aufgeheizt. Dadurch kam es im Ammoniakbehälter zu einem starken Druckanstieg und schließlich zur Auslösung des Sicherheitsventils (Überdruckventil).

Eislaufcenter02 

Austretendes Ammoniak

Alarmierung, Einsatzverlauf und Gefahrenabwehr

Bei der Integrierten Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst Reutlingen ging am Montag, dem 27. Juli 2009, einem heißen, wolkenlosen Sommertag um 13:55 Uhr vom Autohaus an der Rommelsbacher Straße ein Notruf ein. Vom Anrufer wurde mitgeteilt, dass eine starke Geruchsbelästigung vorliege. Die Leitstelle schickte den Einsatzleitungsdienst der Berufsfeuerwehr Reutlingen (Einsatzleiter im gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst) zur Überprüfung der Lage zum Autohaus. Gegen 14:00 Uhr ging ein weiterer Notruf ein.

Nachdem der Einsatzleitwagen die Einsatzstelle erreicht hatte, stellte der Einsatzleiter um 14:03 Uhr einen starken, stechenden Ammoniakgeruch fest, der aus dem Eislauf- und Freizeitcenter kam. Die erste Lagemeldung lautete: „Gefahrstofffreisetzung im Eislaufcenter“. Gleichzeitig wurde das Nachrücken des Gefahrstoffzuges, des Einsatzführungsdienstes sowie des Rettungsdienstes angefordert.

Die erste Erkundung ergab, dass über das Überdruckventil der Kühlanlage Ammoniak in zirka vier Metern Höhe über dem Kopfgebäude des Eislauf- und Freizeitcenters unter Bildung einer weißen Wolke ins Freie geblasen wurde. Eine zunächst unbekannte Menge des reizenden und ätzenden Gases gelangte in die Umgebung. Auf der Rommelsbacher Straße, zirka 50 bis 60 Meter von der Austrittsstelle entfernt, waren eine erhebliche Reizung der Schleimhäute zu verspüren und eine stechende Geruchsbelästigung festzustellen. Im Autohaus, das rund 20 Meter neben der Austrittsstelle liegt, waren etwa 50 Mitarbeiter und Kunden anwesend. Dort hielten sich beim Eintreffen der Feuerwehr auch die Mitarbeiter des Eislaufcenters auf.

Die ersten nachalarmierten Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr Reutlingen trafen um 14:08 Uhr mit einem Hilfeleistungslöschfahrzeug, einem Wechselladerfahrzeug mit dem Abrollbehälter „Gefahrgut“ und dem Einsatzführungsdienst sowie ein Rettungswagen des DRK-Kreisverbandes Reutlingen an der Einsatzstelle ein. Während der Anfahrt veranlasste der Einsatzführungsdienst die Nachalarmierung der Abteilung Stadtmitte der FF Reutlingen, des Gefahrstoffzuges und eines Fachberaters der Werkfeuerwehr Robert Bosch GmbH.

Die Erkundungsergebnisse ergaben, eine erhebliche Gefährdung für die unmittelbar an der Einsatzstelle befindlichen Personen sowie noch nicht auszuschließende Gefahren für Personen im zirka 80 bis 100 Meter entfernt liegenden Albert-Einstein-Gymnasium bestanden. Die sich am bzw. im Autohaus aufhaltenden rund 50 Personen hatten deutlich gerötete Augen, klagten über Reizungen der Augen und der Schleimhäute, hatten Hustenanfälle und Hautjucken.

Der Einsatzführungsdienst übernahm nach dem Erreichen der Einsatzstelle die Einsatzleitung und übertrug dem Einsatzleitungsdienst die Leitung des Einsatzabschnitts „Gefahrenabwehr“. Als Erstmaßnahme begann die Besatzung des Hilfeleistungslöschfahrzeugs unter umluftunabhängigem Atemschutz mit Hilfe eines B-Rohres mit dem Niederschlagen der Ammoniakdämpfe.

Durch den Fachberater der Werkfeuerwehr Robert Bosch GmbH wurden erste Messungen durchgeführt.

Zum weiteren Niederschlagen der Gaswolke wurde ein zusätzliches Rohr vorgenommen und ein Großlüfter mit Wasserzumischung zum Verwirbeln und Verdünnen der Ammoniakwolke von der Werkfeuerwehr (WF) Robert Bosch GmbH angefordert.

Zwei Busse der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV) brachten die betroffenen Personen aus dem Gefahrenbereich ins Altenheim „Voller Brunnen“. In der dortigen Cafeteria wurde der Einsatzabschnitt „Medizinische Versorgung und Betreuung“ eingerichtet.

Die weitere Erkundung der Lage ergab, dass

  • Gefahren für unmittelbar am Autohaus befindliche Personen, die durch Reiz- und Ätzwirkungen bereits betroffen sind;
  • Gefahren für die Bevölkerung in der Nachbarschaft durch die weitere Ausbreitung der Ammoniakdämpfe;
  • die Gefahr der schlagartigen Freisetzung von rund 2,9 Tonnen Ammoniak sowie
  • die Gefahr für die Umwelt und angrenzende Betriebe, einschließlich des Kanalsystems,

bestanden. Umfangreiche Kräfte wurden zur Absperrung, Evakuierung und Schadenbekämpfung sowie zur Kühlung der Anlage nachgeführt, um den weiteren Austritt des Gases minimieren bzw. stoppen zu können.

Der Einsatzleiter bildete an der Einsatzstelle mehrere Einsatzabschnitte: „Gefahrenabwehr 1“ und „Gefahrenabwehr 2“, „Verletztenversorgung und Betreuung“ und „Messen“.

Den Abschnitt „Absperrung, Verkehr und Information/Warnung der Bevölkerung“ übernahm die Polizei.

Als Führungsmittel wurden der Einsatzleitwagen 2 (ELW 2) und der Abrollbehälter „Führungsunterstützung“ sowie die Führungsunterstützungseinheit der Feuerwehr Reutlingen zur Unterstützung der Einsatzleitung nachgeführt. Den Standort richtete die Einsatzleitung in der Rommelsbacher Straße Höhe Carl-Diem-Straße ein. Auch die Messleitung hatte direkt neben der Einsatzleitung ihren Standort.

Eislaufcenter03 

Führungsmittel der Einsatzleitung - ELW 2 und AB-Führungsunterstützung

Die Maßnahmen im EA „Gefahrenabwehr 1“ konzentrierten sich auf die Niederschlagung und Verdünnung der austretenden Ammoniakdämpfe mit zwei Strahlrohren und einem Großlüfter der Werkfeuerwehr Robert Bosch GmbH. Unter Chemikalienschutzanzügen versuchten Einsatzkräfte zudem, an der Austrittsöffnung eine Folie anzubringen, um auf diese Weise eine Kondensation des Ammoniaks zu erreichen. Zur Sicherstellung der Wasserversorgung wurden vier Wasserförderleitungen vom Wasserrohrnetz (DN 400) aus der Storlachstraße aufgebaut und die Kühlung der Eislauffläche eingeleitet.

Im EA „Gefahrenabwehr 2“ bauten Einsatzkräfte von der Westseite des betroffenen Gebäudes her eine Wasserwand zwischen der Austrittsstelle und dem Albert-Einstein-Gymnasium auf. Durch das Niederschlagen der Dämpfe und das Setzen der Wasserwand konnte in der ersten Einsatzphase die Gefährdung für die Personen im Albert-Einstein-Gymnasium weitgehend minimiert werden. Die Polizei nahm mit den im Albert-Einstein-Gymnasium und in zwei weiteren, in der Nähe befindlichen Schulen anwesenden Personen Kontakt auf und informierte diese über die aktuelle Lage. Da der letzte Schultag vor den Ferien war, hielten sich im Albert-Einstein-Gymnasium nur der Hausmeister, seine zwei Kinder, einige Lehrer und ein Elektriker auf. Nach Abstimmung mit der Feuerwehr wurden diese außerhalb des Gefahrenbereiches zu ihren Fahrzeugen gelassen und nach Hause geschickt. Die Personen, die sich in der Römerschanzschule (eine der beiden benachbarten Schulen) aufhielten, wurde mit zwei weiteren Bussen der RSV zum Altenheim „Voller Brunnen“ gebracht, wo sie durch Notärzte und Rettungsdienstpersonal medizinisch versorgt und betreut wurden.

Die Leitung des EA „Verletztenversorgung/Personenbetreuung“ wurde dem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst und dem Leitenden Notarzt übertragen. Im Altenheim „Voller Brunnen“ in der Carl-Diem-Straße wurde auf Weisung des Einsatzleiters die medizinische Versorgungsstelle zur Betreuung der Betroffenen bzw. Verletzten durch fünf Notärzte und eine Schnell-Einsatz-Gruppe (SEG) eingerichtet und vom Rettungsdienst selbstständig betrieben. Insgesamt wurden 77 Personen medizinisch untersucht, betreut und nach Bedarf versorgt. Sieben Personen - drei aus dem EA „Verletztenversorgung/ Personenbetreuung“ - mussten mit Rettungsmitteln in eine Klinik gebracht werden. Bis auf einen Feuerwehrangehörigen, der über Nacht zur weiteren Überwachung stationär im Klinikum aufgenommen wurde, konnten alle eingelieferten Personen bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen werden.

Der EA „Messen“ wurde vom stellvertretenden Feuerwehrkommandanten der Feuerwehr Reutlingen übernommen, dem als Führungsmittel der Gerätewagen Messtechnik zur Verfügung stand und der zur Durchführung der Messaufträge drei Messfahrzeuge zugewiesen bekam. Die Messeinheiten führten im näheren als auch im weiteren Umfeld der Austrittsstelle Messungen der Ammoniak-Konzentration durch. Im Umkreis von 20 Metern um die Austrittsstelle lagen die Messwerte zwischen 50 und 100 ppm, im Umkreis von 50 Metern war noch eine Ammoniak-Konzentration von weniger als 5 ppm feststellbar.

Die Information und Warnung der Bevölkerung wurde der Polizeiführerin vor Ort übertragen. Hierfür veranlasste die Polizei Rundfunkdurchsagen über das Lagezentrum des Innenministeriums. Die Bewohner des unmittelbar an das Eislauf- und Freizeitcenter angrenzenden Wohngebietes (Schieferbuckel/Sickenhäuser Straße/Römerschanze) wurden zusätzlich über Rundfunk und Lautsprecherfahrzeuge der Polizei informiert.

Die Feuerwehr Reutlingen konnte mit den durchgeführten Kühlmaßnahmen, insbesondere der 30 x 60 Meter großen Eislauffläche, die Anlage kurz vor 19:00 Uhr wieder in einen stabilen Zustand bringen. Ab diesem Zeitpunkt blieb das Sicherheitsventil wieder geschlossen und es trat kein Gas mehr aus. Der Druck im Behälter lag jedoch immer noch bei rund 9 bar. Die Einsatzleitung entschied zur weiteren Stabilisierung der Situation, die für die Kühlanlage zuständige technische Fachfirma hinzuziehen. Telefonischer Kontakt wurde zur TUIS-Werkfeuerwehr der BASF SE in Ludwigshafen gehalten. Nachdem ab 19:00 Uhr kein Gas mehr austrat, wurde die Polizei beauftragt, ab 20:00 Uhr die Entwarnung zu veranlassen.

Von der Pressesprecherin der Polizei wurde in Abstimmung mit der Feuerwehr um 17:00 Uhr eine Pressekonferenz vor Ort organisiert, um die zahlreichen Medienanfragen zu beantworten. Die anwesenden Journalisten informierte der Einsatzleiter über die Lage und die getroffenen Maßnahmen. Vom Öffentlichkeits-Team der Polizei wurden die Fakten schriftlich zusammengefasst und an die Medien über deren Presseverteiler weitergegeben.

Abschließende Maßnahmen

Das Ziel der Einsatzleitung, nachdem der Ammoniakaustritt gestoppt war, bestand darin, den Druck im Ammoniakbehälter weiter zu reduzieren. Der Vorschlag der Wartungsfirma zur weiteren Druckreduzierung und Kühlung des Ammoniaks im Behälter durch Anfahren der Kompressoren wurde aus Sicherheitsgründen abgelehnt, weil der technische Zustand der Anlage nicht beurteilt werden konnte. Eine Fachfirma erhielt den Auftrag, das vollständige Abpumpen des Ammoniaks vorzubereiten. Die Einsatzleitung entschied sich für diese Vorgehensweise, weil so auf einen sicheren, standardisierten Vorgang zurückgegriffen werden konnte, der erprobt ist und ohne Gefährdung für die Umgebung durchgeführt werden konnte. In Zusammenarbeit mit den Fachbehörden (Umweltamt, Gewerbe- und Umweltabteilung der Polizei) legte die Einsatzleitung jedoch fest, dass die Arbeiten erst beginnen dürfen, wenn ein unabhängiger Sachverständiger die Anlage vorher begutachtet hat.

Um 19:30 Uhr trat der Verwaltungsstab der Stadt Reutlingen unter Leitung des Bürgermeisters mit Vertretern der städtischen Ämter, der Polizei und der Feuerwehr in der Feuerwache der Berufsfeuerwehr Reutlingen zusammen, um die weiteren organisatorische Maßnahmen der Stadt Reutlingen festzulegen. Nach Auskunft der Fachleute befand sich die Anlage in einem stabilen Zustand, von der keine weitere Gefahr mehr ausging. Der Verwaltungsstab legte das einheitliche Vorgehen weiterer Maßnahmen wie folgt fest:

  • Die Feuerwehr stellt eine Sicherheitswache mit einem Löschfahrzeug bis zum nächsten Morgen;

  • Der Verkehr konnte im Laufe der Nacht im Bereich der Rommelsbacher Straße wieder freigegeben werden;

  • Die Bushaltestellen in der Rommelsbacher-/Schieferstraße sollten sowohl stadteinwärts als auch stadtauswärts gesperrt bleiben, damit die Schüler nicht direkt an der Einsatzstelle vorbeilaufen müssen (die RSV hat die entsprechenden Sperrungen veranlasst und die Fahrgäste informiert);

  • Über das Amt für Schulen, Jugend und Sport wurden die Schulleiter und die Leiter der Kindertageseinrichtungen der angrenzenden Schulen und der Kindertageseinrichtungen darüber informiert, dass aus Sicherheitsgründen die Umpumparbeiten erst dann beginnen sollten, wenn die Schüler den Unterricht am letzten Schultag gegen 13:00 Uhr beendet haben.

Am Ende der Besprechung des Verwaltungsstabes wurden die Ergebnisse von der Feuerwehr zusammengefasst und um 22:54 Uhr als Presseinformation per E-Mail an die Medien versandt. Am 28. Juli 2009 wurden alle weiteren Maßnahmen aufgehoben, weil der Sachverständige die Notwendigkeit weiterer Sicherheitsmaßnahmen über die üblichen Arbeitsschutzmaßnahmen hinaus als nicht mehr notwendig sah. Diese Information wurde um 11:40 Uhr durch eine abschließende Pressemitteilung der Feuerwehr an die Medien weitergeleitet.

Infolge des Ammoniakaustritts waren mehr als 200 Fahrzeuge des benachbarten Autohauses mit dem ausgetretenen Ammoniak kontaminiert worden. Zur Schadenminimierung wurde von einem Sachverständigen des Herstellers empfohlen, die Fahrzeuge umgehend mit einem Hochdruckreiniger und entsprechenden Waschsubstanzen zu reinigen. Diese Reinigung wurde von der Feuerwehr Reutlingen durchgeführt. Nach der Reinigung wurden die Fahrzeuge in einem Parkhaus abgestellt.

Zur Schadenbekämpfung, insbesondere auch wegen der sehr hohen Außentem­peraturen, waren insgesamt 280 Einsatzkräfte der Feuerwehr eingesetzt. Neben der gesamten Feuerwehr (BF und FF) Reutlingen waren auch Einsatzkräfte der WF Robert Bosch GmbH sowie der FF Pfullingen und Pliezhausen hinzugezogen worden. Insgesamt wurden 35 umluftunabhängige Atemschutzgeräte, acht Chemikalienschutzanzüge sowie 80 ABEK-Filter eingesetzt. Die FF Metzingen und Tübingen sowie die BF Stuttgart stellten zusätzliche Filter bereit. Zur Versorgung und Betreuung der Verletzten kam der DRK-Kreisverband Reutlingen mit 62 Einsatzkräften - darunter ein Leitender Notarzt, fünf Notärzte, ein Organisationsleiter Rettungsdienst sowie drei weitere Führungskräfte - mit insgesamt 23 Fahrzeugen zum Einsatz. Eine Einheit des Ortsverbandes Reutlingen des Technischen Hilfswerks (THW) übernahm die Verpflegung der Einsatzkräfte. Die Polizei hatte zur Absperrung sowie zur Wahrnehmung der Aufgaben im EA „Warnung/Information der Bevölkerung“ 55 Polizeibeamte eingesetzt. Seitens der Behörden waren das Umweltamt und der Kreisbrandmeister des Landkreises Reutlingen, das Bürgermeisteramt der Stadt Reutlingen, der Energieversorger FairEnergie, die Polizeidirektion Reutlingen und das Regierungspräsidium Tübingen mit dem Bezirksbrandmeister zur Beratung und Unterstützung der Einsatzmaßnahmen vor Ort.

Erkenntnisse aus dem Einsatz

Rund 2.020 Kilogramm Ammoniak konnten nach dem Einsatz von der beauftragten Fachfirma aus der Anlage gepumpt werden. Daraus ergab sich, dass eine Menge von rund 500 bis 800 Kilogramm (entspricht rund 1.000 Kubikmeter) Ammoniak über das Sicherheitsventil ins Freie abgeströmt war.

Das Heranführen und das Zusammenwirken der großen Zahl an Einsatzkräften funktionierten gut. Eine große Herausforderung für alle Einsatzkräfte stellten die hohen Temperaturen dar. Aufgrund des immer wieder leicht drehenden Windes und der dadurch sich ändernden Ausbreitungsrichtung war nicht zu vermeiden, dass Einsatzkräfte kurzzeitig Ammoniakdämpfen, insbesondere an der Absperrgrenze, ausgesetzt waren. Daher mussten Einheiten teilweise aus Einsatzbereichen auch wieder zurückgezogen werden. Entsprechend unruhig und sensibel haben darauf einzelne Einsatzkräfte reagiert.

Eislaufcenter04 

Der Einsatz unter den Chemikalienschutzanzügen war aufgrund der hochsommerlichen Außentemperaturen sehr Kräfte zerrend.

Die Städtische Informationskette funktionierte nicht reibungslos. Beispielsweise wurde die Oberbürgermeisterin erst spät informiert. Aufgrund der Aufgabendelegation der Presse- und Medienarbeit an die Polizei wurde das städtische Presseamt nicht informiert.

Auswirkungen auf die Umwelt hatte das Schadenereignis ebenfalls. Durch den Ammoniakaustritt warfen in den folgenden Tagen die Bäume ihr Laub im Umkreis von rund 50 Metern um die Einsatzstelle ab. Ob bleibende Schäden an der Vegetation eintraten, wird sich erst im Folgejahr zeigen.

Bis zum Einsatzende mussten 21 Einsatzkräfte im Klinikum medizinisch untersucht werden. Mehrere Einsatzkräfte klagten über Kopfschmerzen, teilweise über Schwindel. Es zeigte sich, dass bei den meisten Feuerwehrleuten eine beginnende Dehydrierung die Ursache hierfür war. Obwohl genügend Getränke bereitgestellt waren, hatten die Einsatzkräfte für die bestehenden hochsommerlichen Temperaturen und die Belastungssituation nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen. Bei den jungen Feuerwehrfrauen waren diese Symptome als erste aufgetreten. Es wurde festgestellt, dass die Frauen über den Tag wohl wegen der „Toilettenfrage“ sehr wenig trinken. Sie kamen bereits mit Flüssigkeitsmangel zum Einsatz und hielten sich auch dort wegen fehlender Toiletten mit der Aufnahme von Flüssigkeit zurück. Auf diesen Umstand muss in Zukunft ein besonderes Augenmerk gerichtet werden und an länger dauernden Einsatzstellen sehr schnell die Frage der Toilettenbereitstellung geklärt werden.


Referenzen:

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erstellt von rschmeisser am - 12.08.2010 14:17