Schweres Zugunglück in Neustadt
Bericht
Zu einem schweren Zugunglück kam es am Morgen des 05.07.1997 auf der Bahnstrecke zwischen Frankfurt/Main und Kassel in unmittelbarer Nähe der Großgemeinde Neustadt im Landkreis Marburg-Biedenkopf (Hessen). Ein mit rund 300 Personen besetzter doppelstöckiger Regionalexpress der Main/Weser Bahn aus Frankfurt/Main kommend und ein Güterzug, beladen mit Metallrohre für Erdgasleitungen, der von Seelze/Hannover nach Kornwestheim in Baden-Württemberg unterwegs war, kollidierten miteinander, weil sich vom Güterzug Rohre gelöst hatten und diese den letzten Waggon des Nahverkehrszuges im unteren Bereich aufrissen. Insgesamt hatten sich vier Stahlrohre (Durchmesser jeweils 1,35 m; Länge 15 m; Gewicht ca. 6 t) gelöst und fielen kurz vor dem Überfahren einer Bahnüberführung herab. Zwei Rohre stürzten nördlich auf eine zu diesem Zeitpunkt leere Straße, ein weiteres fällte einige Birken vor einem Einfamilienhaus. Ein Oberleitungsmast wurde abgeschert. Das vierte Rohr stürzte über das Gegengleis auf die südliche Böschung. Durch das Lösen und Herabstürzen verrutschte die restliche Ladung, so dass eines der Stahlrohre nach mehreren Berührungskontakten mit Waggons des Nahverkehrszuges den letzten Waggon im unteren Bereich auf der linken Seite in ganzer Länge aufschlitzte. Nur die rechte Sitzreihe blieb stehen. Nach ca. 500 Metern kam der Güterzug zum Halten.
Die Unglücksstelle befindet sich auf dem Gelände der Deutschen Bahn AG. Der Bahnkörper ist in diesem Abschnitt zweigleisig. Die Einsatzstelle wird im westlichen Bereich durch das Waldstadion, die Waldschule mit Schulhof und Parkflächen und im östlichen Bereich von Wald eingerahmt. Der Bahnkörper ist angeböscht und von der westlichen Seite aus über Trampelpfade verhältnismäßig gut zu erreichen. Die Böschung ist auf dieser Seite mit Niederbewuchs und Bäumen bepflanzt. Somit waren ausreichend Aufstell- und Bewegungsflächen für die Einsatzmittel vorhanden.
Bei dem Zusammenprall wurden sechs Menschen auf der Stelle getötet und 13 zum Teil schwer verletzt. Beide Lokführer erlitten einen Schock. Die Getöteten lagen auf den Gleisen und im Waggon und eine Vielzahl von Unverletzten hielt sich auf dem Gleiskörper oder noch im Waggon auf. Mehrere Menschen hatten Metallsplitter im Körper.
Als erste nahmen etwa 40 Fußballer der Sportvereins das Unglück wahr. Sie wollten einen Busausflug unternehmen und standen vor dem Waldstadion. Als sie das Schreien der Menschen hörten, eilten sie den Bahndamm hinauf und retteten verletzte Menschen.
Die Alarmierung lief gegen 08:45 Uhr an, als eine männliche Person über den Notruf 112 der Zentralen Leitstelle des Landkreises Marburg-Biedenkopf den Bahnunfall meldete. Aufgrund des Einsatzstichwortes „Bahnunfall“ wurden die örtliche Feuerwehr, die Stützpunktfeuerwehr und der RTW der zuständigen Rettungswache zur Einsatzstelle entsandt. Nachdem das Schadenereignis in seinem Ausmaß erkennbar wurde, erfolgte die Alarmierung weiterer Kräfte und Mittel. Der Leitende Notarzt, der Organisatorische Leiter Rettungsdienst, der Kreisbrandinspektor, die Rufbereitschaften der Hilfsorganisationen, die Schnell-Einsatz-Gruppen Biedenkopf-Nord und -Süd sowie Marburg und die Technische Einsatzleitung des Landkreises wurden in Marsch gesetzt. 13 Rettungswagen, zwei Notarzteinsatzfahrzeuge, zwei Notarztwagen, zwei Rettungshubschrauber, ein Leitender Notarzt, acht Notärzte und drei Organisatorische Leiter Rettungsdienst befanden sich in kürzester Zeit vor Ort. Auch die Kommunikation über Funk klappte besten.
Die Rettung, die Sichtung und der Transport der Verletzten in geeignete Krankenhäuser stellten den Schwerpunkt des Einsatzes dar. Als nächstes mussten die unverletzten Personen von der Schadenstelle weggebracht und betreut werden. Weiterhin galt es zu prüfen, ob von der Beladung des Güterzuges noch eine weitere Gefahr ausgeht. Zur Absperrung der Unfallstelle wurden Einsatzkräfte der Polizei, der Bundeswehr und der Feuerwehr eingesetzt.
Die Darstellung des Einsatzverlaufes wird aus der Sicht der beteiligten Rettungskräfte der jeweiligen Einheit geschildert.
In der Zentralen Leitstelle wurde das Personal erhöht, um auf die wachsenden Anforderungen reagieren zu können. Es wurde der Leiter der Leitstelle informiert, der auch die Einsatzführung übernahm. Das Personal stockte man von zwei auf vier Einsatzbearbeiter auf.
Der Rettungsdienst war mit ausreichenden Kräften und Mittel wenige Minuten nach der Alarmierung an der Einsatzstelle. Die Verletzten wurden vom Bahndamm zu der Verletztensammelstelle auf dem Parkplatz der Schule gebracht und dort medizinisch versorgt. Aufgrund der Vielzahl der Einsatzkräfte sowie Rettungsmittel und der eigentlich geringen Zahl an Verletzten war es möglich, eine individualmedizinische Betreuung und Versorgung durchzuführen. Unverletzt gebliebene Reisende bat man auf den Schulhof bzw. in die Schulturnhalle, wo sich Notärzte, Rettungsdienstpersonal und Einsatzkräfte der Schnell-Einsatz-Gruppen zur Betreuung und Versorgung befanden. Bereits etwa eine Stunde nach der Alarmierung waren alle Patienten adäquat versorgt und auf dem Weg in die weiterversorgenden Krankenhäuser. Die Versorgung der Lokführer erfolgte zunächst vor Ort und wurde dann durch den psychologischen Dienst der Deutschen Bahn AG übernommen. Zur Betreuung aller am Einsatz Beteiligten an der Unglücksstelle waren auch vier Geistliche vor Ort.
Die Einsatzkräfte der Feuerwehr Neustadt konnten sich auf die Versorgung der Verletzten und die Absicherung der Einsatzstelle konzentrieren, weil es keine weiteren eingeklemmten Personen gab und die herabhängende Oberleitung nach einer Notabschaltung keine Gefahr darstellte. Der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten lag im Bereich Evakuierung und Betreuung der noch im Zug befindlichen Insassen, die zu einem zuvor festgelegten Sammelpunkt geführt wurden. Die Ansperrmaßnahmen übernahmen die Kräfte der Stadtteilfeuerwehren, da sich bereits eine große Anzahl Schaulustiger eingefunden hatte.
Die Kräfte der Feuerwehr Kirchhain kümmerten sich gemeinsam mit der Feuerwehr Neustadt um die Unverletzten, brachten diese der Verletztensammelstelle auf den Busparkplatz. Nach der Erstversorgung der Verletzten wurden diese ebenfalls zur Sammelstelle verbracht. Eine weitere Aufgabe lag dann im Weitertransport der unverletzten Personen. Dazu erfolgte die Bildung des Einsatzabschnittes „Busse“. Nachdem alle Personen namentlich erfasst waren, wurden sie nach Hause gebracht oder zum Bahnhof nach Ziegenhain gefahren, um ihre Fahrt fortsetzen zu können.
Die Alarmierung für die Katastrophenschutzeinheit „Technische Einsatzleitung“ (TEL) im Rahmen der logistischen Unterstützung der Einsatzleitung nach § 33 Brandschutzhilfeleistungsgesetz (BrSHG) erfolgte zeitnah zu der Alarmierung der übrigen Einsatzkräfte. Ihre Aufgabe war es, durch die technischen Möglichkeiten des ELW 2 in Verbindung mit der IuK-Komponente (Informations- und Kommunikations-Gruppe) des Landkreises eine separaten relaisgesteuerten Funkverkehr aufzubauen, um weitere Notfälle im Landkreis über den Betriebskanal abwickeln zu können. Eine weitere Aufgabe der TEL lag in der Koordination der Absperrmaßnahmen zusammen mit Polizei, Bundesgrenzschutz, Bundeswehr und Einsatzkräften der Feuerwehren. Ihre Aufgabe war es, durch Abgabe von Lagemeldungen und die Abforderung von Kräften einen ständigen Kontakt der Zentralen Leitstelle des Landkreises zu halten. Hinzu kamen die Führung von Stärkeverzeichnissen und die Erstellung eines Einsatztagebuches. Auch die Beschaffung von Versorgungsgütern für die eingesetzten Helfer war ihre Aufgabe. Die TEL des Landkreises übernahm nach ihrem Eintreffen die logistische Unterstützung des Einsatzleiters. Der Einsatzleitwagen der Feuerwehr Neustadt wurde herausgelöst.
Der Kreisbrandinspektor verschaffte sich nach dem Eintreffen einen Überblick über die Lage und übernahm die Einsatzleitung. An der Unfallstelle treffen nach und nach verantwortliche Personen der Stadt, des Landkreises, des Landes und der Bahn ein. Nach Bildung einer gemeinsamen Einsatzleitung wurde folgendes festgelegt:
- weiträumige Absperrung der Einsatzstelle durch Alarmierung der Feuerwehr Stadtallendorf;
- die geborgenen Leichen werden zur Identifizierung in einen dafür hergerichteten Raum der Schule gebracht - Zusammenarbeit mit Mitarbeitern der inzwischen eingetroffenen Beerdigungsinstitute und Einsatzkräfte der Feuerwehr;
- kein Medienvertreter betritt die Einsatzstelle - unter größten Schwierigkeiten gelang es, diese von der Einsatzstelle fernzuhalten;
- namentliche Erfassung aller Personen;
- Bereitstellung von Bussen zum Abtransport der unverletzten Personen zu verschiedenen Bestimmungsorten;
- Einrichtung einer Auskunftsstelle im Rathaus, die gleichzeitig Anlaufstelle für evtl. eintreffende Angehörige sein soll.
Es wurde festgestellt, dass es eine Reihe
von glücklichen Umständen gab, die verhindert haben, dass sich das
Schadenereignis zu einem Katastrophenfall ausweiten konnte, wie
z. B., dass die Straße zum Zeitpunkt des Unglücks menschenleer war, so dass
durch die herabstürzenden Rohre niemand zu schaden kam.
Da sich aus solchen Schadenslagen aber auch Erkenntnisse und Erfahrungen entnehmen lassen, wird es zukünftig notwendig sein, diese bei der Einsatzplanung und -ausbildung zu berücksichtigen. Besonders werden die aufgetretenen Probleme zu analysieren sein, damit Maßnahmen für eine Verbesserung der Abläufe ergriffen werden können.



