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U-Bahnunfall Köln

Am 23.08.1999 kam es in Köln-Neustadt-Nord in der U-Bahnhaltestelle Christophstraße zu einem Auffahrunfall zweier Straßenbahnen. Hieraus entwickelte sich ein umfangreicher Feuerwehreinsatz mit zwei Phasen: Gefahrenabwehr mit Schwerpunkt Verletztenversorgung; Hilfeleistungseinsatz zur Unterstützung der Kölner Verkehrsbetriebe mit dem Ziel der Wiederherstellung der Benutzbarkeit des Bahnhofes.
23.10.1999 17:45
Köln
Deutschland / Nordrhein-Westfalen
Ereignis: Technische Hilfeleistungen
Bereich: Verkehr
Objekt: Verkehrsmittel
Stichworte: Massenanfall von Verletzten, Organisation, Rettungsdienst, Technische Hilfeleistung
Autor: Johannes Feyrer, BF Köln
Quelle: Brandschutz - Deutsche Feuerwehr-Zeitung, 5/2000, S. 467-475

 

Bericht

Eine vollbesetzte Straßenbahn des Typs „City-Sprinter“ lässt sich nicht mehr bremsen, durchfährt den Bahnhof „Hansaring“ und prallt nach etwa 1,5km Fahrt mit einer Geschwindigkeit von mindestens 50-60km/h im Bahnhof „Christophstraße“ auf einen dort stehenden Straßenbahnzug des Typs W 2100, der mit etwa 20 Passagieren besetzt ist. Durch den Aufprall schiebt sich der 1. Wagen des auffahrenden Zuges etwa 4m über den letzten Wagen des stehenden Zuges. Obwohl sich nach Zuruf des Fahrers des „City-Sprinters“ zahlreiche Fahrgäste in den rückwärtigen Bereich des Zuges retten können, kommt es durch den heftigen Aufprall doch zu zahlreichen Verletzten.

Beim Meldungseingang entschied sich der Leitstellendisponent für das Einsatzstichwort „Feuer U-Bahn“ und alarmierte die hierfür vorgesehenen Einsatzkräfte.

Vorgehensweise:

Erste Phase (17:47 Uhr bis etwa 18:00)

Ersteintreffendes Fahrzeug was das NEF 3. Der Notarzt gehört neben dieser Tätigkeit zur Gruppe der Ärzte, die zusätzlich den Bereitschaftsdienst für die Funktion des Leitenden Notarztes ausführen. Er stellte fest, dass sich auf Straßenniveau im Bereich des Treppenaufgangs über 30 Verletzte befanden. Augenzeugen schilderten ihm den Unfallhergang und teilten ihm mit, dass sich noch mehrere Schwerverletzte unten im Bereich des U-Bahnhofes befanden. Um zu verhindern, dass Verletzte von der Einsatzstelle anströmen und andernorts Hilfe suchen, teilte er ihnen mit, dass sie gleich versorgt werden. Vom zwischenzeitlich eingetroffenen Löschzug 1 mit zwei LF und einer Drehleiter rüsteten sich zwei Angriffstrupps (je 0/1/2/3) mit Pressluftatmern aus und die Löschfahrzeuge wurden zur Einspeisung bereitgestellt, da die Besatzung zunächst von einem Feuer ausging. Der Zugführer des Löschzuges 1 teilte zunächst den Fahrzeugführer des 2. LF ein, sich OBEN um die verletzten Personen zu kümmern, während er und der Angriffstrupp des 1. LF in die U-Bahnstation hineingingen, um die Lage UNTEN zu erkunden. Der Abschnittsleiter OBEN meldete eine große Anzahl Verletzter, um damit die Einsatzmittelkette „MANV“ (Massenanfall von Verletzten) auszulösen. Dies wurde von der Leitstelle jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht veranlasst und vom noch auf der Anfahrt befindlichen Einsatzleiter auch nicht besonders bestätigt.

Der Notarzt und ein Teil des Personals des Löschzuges 1 erkundeten den Abschnitt UNTEN im Bereich des Bahnsteiges. Zunächst konnten nur leicht verletzte Personen ohne Brandverletzungen und kein Feuergeruch festgestellt werden. Das mitgeführte C-Rohr blieb mit einem Mann besetzt, die nachrückenden Besatzungen von RTW und NEF wurden auf die Verletzten verteilt, die verunfallten Fahrzeuge wurden begangen. Eingeklemmte Personen waren nicht erkennbar. Der stark verformte Bereich des Aufpralls war von außen jedoch nicht vollkommen einsehbar, daher waren zu einer späteren Einsatzphase weitere Maßnahmen erforderlich. Der Kurzschlussschalter auf dem Bahnsteig wurde bereits betätigt.

Eine vom Zugführer 1 abgegebene dritte Meldung „Zusammenstoß zweier U-Bahnen, kein Feuer, mehrere Verletzte“  veranlasst den Einsatzleiter dazu, die zu den „benachbarten Anfahrpunkten“ entsandten Rüstzüge und Rettungsdienstfahrzeuge zur Schadenstelle  kommen zu lassen. An der Schadenstelle eingetroffen stellte der Einsatzleiter fest, dass es bereits je einen Abschnitt OBEN und UNTEN gab und somit eine sinnvolle Grundstruktur der Führungsorganisation feststand. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörten die Informationseinholung über den Abschnitt UNTEN, die Kontaktaufnahme mit der Polizei und die Zuweisung der nachrückenden Einsatzkräfte auf die beiden Abschnitte sowie die noch zu bildenden Unterabschnitte. Der Leitende Notarzt gibt an, dass es sich um fünf Schwerverletzte und vierzig Leichtverletzte handelt.

Gemäß Einsatzstichwort standen bereits zwei NEF, drei RTW, Rettungsbus RBUS 4 mit zusätzlichem LF und ein Mannschaftstransportbus MBUS 7 zur Verfügung. Von der Leitstelle wurden zusätzlich der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes sowie ein in der Nähe befindliches, zwischenzeitlich freigewordenes NEF entsandt. Weitere fünf Ärzte (Passanten) meldeten sich an der Einsatzstelle und wurden eingesetzt.

Der Einsatzleiter verzichtete daher auf die Nachforderung von Kräften nach Einsatzstichwort MANV und forderte lediglich 4 weitere RTW sowie den Feuerwehrseelsorger zur Betreuung der Passagiere nach.

Zweite Phase (18:00 Uhr bis etwa 19:45 Uhr)

Mit Eintreffen zusätzlicher Kräfte erfolgte vor Ort die Einsatzorganisation entsprechend dem Einsatzplan MANV mit den Maßnahmen:

  • Aufbau einer Einsatzleitung im ELW 5 (Sattelzug, fernmeldetechnische Besetzung durch den 2. Fernmeldezug der FF Köln)

Formierung des Stab der Einsatzleitung ab etwa 18:20 Uhr im ELW 5; Übernahme der Einsatzleitung durch den Amtsleiter; Funktion des Einsatzleiters als Koordinator vor Ort; Stellung von Fachberatern aus den Reihen der Polizei und der KVB (Kölner Verkehrsbetriebe); Einsatz eines Pressesprecher auf dem nichtbetroffenen Bahnsteig des Gegengleises als Pressetribüne; Übernahme der Funktion des Leitendes Notarztes durch den Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes; Funkkanaltrennung für die verschiedenen Führungsebenen; Einrichtung einer Auskunftsstelle für Bürger am Messleitwagen; Abtransport des letzten Verletzten vom Behandlungsplatz um 19:36 Uhr; Bilanz: 67 transportierte Patienten, davon 7 Schwerverletze, verteilt auf 14 Krankenhäuser, davon 7 außerhalb des Stadtgebietes Köln

  • Bildung eines Abschnittes „Schadengebiet“

Versorgung Verletzter auf dem Bahnsteig und Transport nach oben zum Behandlungsplatz; nochmalige systematische Durchsuchung der beiden Bahnen durch das Personal der beiden Rüstzüge; 19:30 Uhr endgültig Feststellung, dass keine Personen mehr in der Bahn eingeschlossen waren; Feststellung durch Einsatzkräfte am Notausstieg Adolf-Fischer-Straße, dass 28 Passagiere in einem Zug im Tunnel festsaßen und Befreiung dieser Personen

  • Bildung eines Abschnittes „Verletztenversorgung“

Zuteilung einer für diesen Abschnitt vorgesehenen Führungskraft erst gegen 18:30 Uhr, da zuvor noch zwei parallel abzuarbeiten waren; Bis dahin Führung der Unterabschnitte direkt vom Einsatzleiter

  • Aufbau eines Behandlungsplatzes (Unterabschnitt) vor dem Zugang zum Bahnsteig unter Nutzung des RBUS 4 und Benennung eines Unterabschnittsführers

Sperrung eines Einsatzabschnittes mittels Flatterband und Hilfe von Kräften des Löschzuges 1; Kennzeichnung der Patienten und Ausgabe von Material durch Kräfte des RBUS 4; Einsatz mehrerer Ärzte (Passanten) mit Funktionskennzeichnungs-Weste zur Sichtung und Verletztenversorgung; Verschmelzung der Verletztenablage mit dem Behandlungsplatz aufgrund räumlicher Nähe, wodurch auf Trägerkolonnen verzichtet werden konnte; Besetzung des Ausgangs des Behandlungsplatzes durch Notarzt und seinen Fahrer, später durch weiteren Notarzt; Aufteilung der Patienten von dort auf die bereitstehenden Rettungsmittel; Einsatz von an benachbarten Anfahrpunkten bereitgestellten Kräften zur Patientenversorgung und –registrierung; Betreuung unverletzter Passagiere im MBUS 7; Zuweisung eingetroffener Feuerwehr- und Notfallseelsorger ab 18:30 Uhr

  • Einrichtung eines Rettungsmittelhalteplatzes (Unterabschnitt) auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring und Benennung eines Unterabschnittführers

Aufstellung vorhandener Rettungsmittel auf gesperrtem Kaiser-Wilhelm-Ring; Nachforderung weiterer fünf RTW und fünf KTW aufgrund unerwartet hohem Transportaufkommen; Bilanz: 17 RTW und 10 KTW im Einsatz

In der Leistelle hatte zwischenzeitlich ein Stab aus dienstfreien Führungskräften die Arbeit aufgenommen, der ab ca. 18:55 Uhr entsprechend Einsatzplan MANV folgende Maßnahmen veranlasste:

  • Alarmierung zusätzlicher Rettungsmittel bei Nachbarleitstellen und Hilfsorganisationen für die Einsatzstelle
  • Benachrichtigung der Krankenhäuser
  • Aktualisierung des Bettennachweises
  • Alarmierung dienstfreier Führungskräfte
  • Durchführung ausgleichender Maßnahmen
  • Einrichtung eines Bürgertelefons

Hilfeleistungseinsatz im Anschluss:

Bedingt durch den Unfall waren mehrere Linien des Straßenbahnnetzes gestört. Der U-Bahnhof sollte daher spätestens bis zum einsetzenden Berufsverkehr am nächsten Tag wieder in Betrieb genommen werden. Da auch bei Eingleisungen eine vertraglich geregelte enge und gute Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Verkehrsbetrieben herrscht, wurde die BF zur (gebührenpflichtigen) Hilfeleistung aufgefordert. Um 05:42 Uhr des 24.08.1999 verließen die letzten Einsatzkräfte der BF die Schadenstelle.

 


Ansprechpartner:

Dipl.-Ing. Johannes Feyrer, Oberbrandrat, Berufsfeuerwehr Köln

Referenzen:

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erstellt von slienert am - 26.01.2007 11:20